Regellos digitalisiert? Warum FIM ohne Standards zur Sackgasse wird

FIM-Regeln werden heute als Freitext formuliert – lesbar für Experten, aber nicht für Maschinen. Das führt zu Interpretationsspielräumen, Abstimmungsaufwand und Fehlern in der technischen Umsetzung. Eine maschinenlesbare Regelsprache würde Eindeutigkeit, automatisierte Validierung und Interoperabilität mit KI und Low-Code ermöglichen. Erste Ansätze wie DMN oder Lösungen aus Service-BW und dem OZG-Hub existieren, aber eine einheitliche Entscheidung fehlt. Die Forderung: FIM braucht jetzt einen verbindlichen Regelstandard. 

Das Föderale Informationsmanagement (FIM) ist ein zentraler Baustein der Verwaltungsdigitalisierung in Deutschland. Es strukturiert Leistungen, Prozesse und Datenfelder und steigert durch Standardisierung die Nachnutzung und Effizienz. Doch ein entscheidender Bestandteil fehlt bislang: eine einheitliche, maschinenlesbare Regelsprache.

Der Status quo: Freitext statt Struktur

Derzeit werden Regeln in FIM als sogenannte Freitextregeln hinterlegt. Das bedeutet: Fachliche Logiken, Bedingungen und Abhängigkeiten werden in Textform beschrieben – ohne standardisierte Syntax, ohne technische Validierung. Diese Regeln sind zwar für Expert:innen interpretierbar, aber weder automatisiert prüfbar noch direkt in digitale Anwendungen übertragbar.

Praxisbeispiel: Der Antrag auf einen beschleunigten Erbschein

Ein besonders anschauliches Beispiel ist der Antrag auf einen beschleunigten Erbschein. Die Erbfolge ist oft komplex, doch FIM soll hier Klarheit schaffen. Das zugrundeliegende Datenschema enthält über 45 Regeln, die die Anzeige der gewünschten Felder steuern. Doch bei der Ausgabe über den Editor FRED3, konkret im sogenannten „grünen Formular“, ist keine einzige Regel sichtbar oder funktional. Weder die Kund:innen noch die Fachlichkeit können die Logik nachvollziehen. Der Antrag wirkt unübersichtlich, die Struktur ist nicht erkennbar, und eine Validierung ist nicht möglich. Das Ergebnis: Zur Überprüfung erhält die Fachlichkeit eine Excel-Tabelle mit den einzelnen Regeln – ein Workaround, der weder effizient noch zukunftsfähig ist.

Die Tücke der Freitextregeln: Wenn Logik zur Auslegungssache wird

Diese Form der Regelbeschreibung birgt eine hohe Fehleranfälligkeit. Denn wer garantiert, dass die fachliche Logik, die in FIM als Freitext formuliert wurde, auch genau so von den Entwickler:innen des Online-Dienstes umgesetzt wird? Zwischen dem FIM-Schema und dem tatsächlichen Online-Dienst entsteht eine kritische Lücke: Das Schema kann formal valide sein, also technisch korrekt und vollständig, doch der Dienst selbst entspricht nicht den fachlichen Anforderungen, weil die Regeln nicht eindeutig oder maschinenlesbar sind. Eine einheitliche Regelsprache würde diese Diskrepanz nicht vollständig verhindern, aber die Wahrscheinlichkeit solcher Abweichungen deutlich minimieren.

Take-Away: Ein FIM-Schema kann technisch valide sein – und trotzdem fachlich falsch umgesetzt werden, weil Freitextregeln Interpretationsspielraum lassen. Genau diese Lücke muss eine einheitliche Regelsprache schließen. 

Weitere Auswirkungen

  • Unterschiedliche Interpretationen: Entwickler:innen, Fachabteilungen und Kommunen interpretieren dieselben Freitextregeln unterschiedlich – was zu inkonsistenten Anwendungen führt.
  • Verlust von Vertrauen: Die Fachlichkeit verliert das Vertrauen in digitale Prozesse, wenn die Logik nicht nachvollziehbar ist.
  • Hoher Abstimmungsaufwand: Jede Umsetzung muss manuell mit der Fachlichkeit abgestimmt werden, oft über Excel-Tabellen, E-Mails oder Meetings.
  • Keine technische Validierung: Ohne formale Regelsprache können Regeln nicht automatisiert getestet oder validiert werden, was zu versteckten Fehlern im Live-Betrieb führt.
  • Klickdummys oder Prototypen, die auf einem FIM-Datenschema basieren, müssen manuell nachgezogen werden.
  • Die technische Umsetzung wird zur Fleißarbeit, die Fehleranfälligkeit steigt.
  • Fachliche Ansprechpartner:innen können die Logik hinter einem Antrag oft nicht nachvollziehen, was zu Missverständnissen und erhöhtem Abstimmungsaufwand führt.

Übersicht

KriteriumFIM mit FreitextregelFIM mit einheitlicher Regelsprache
Attraktivität für NachnutzungMittelHoch
Verständlichkeit für FachlichkeitNiedrigHoch
AutomatisierbarkeitGeringHoch
FehleranfälligkeitHochNiedrig
Aufwand bei ÄnderungenHochGering
SkalierbarkeitEingeschränktHoch
Interoperabilität mit KI/Low-CodeKaum möglichSehr gut

Die Herausforderung: Universelle Lesbarkeit

FIM benötigt eine universell lesbare Sprache, die sowohl für Menschen als auch Maschinen verständlich ist. In einem Austausch zum Erbscheinverfahren wurde deutlich, wie wichtig dynamische Regeln sind: „Wenn abc, dann xyz“ – solche Logiken müssen nicht nur dokumentiert, sondern auch technisch umsetzbar sein.

Derzeit wird geprüft, ob es eine Open-Source-Lösung gibt, die sich für FIM eignet. Erste Hinweise deuten auf Ansätze wie DMN (Decision Model and Notation) oder Regelmodelle aus dem Umfeld von Service-BW, dem OZG-Hub oder AMT24. Doch bislang fehlt eine klare Entscheidung – und das ist kritisch.

Ein tieferer Blick in die Theorie

FIM-Regeln werden heute überwiegend in Freitextform beschrieben. Diese sind für Menschen lesbar, aber nicht maschinenlesbar, nicht testbar und nicht wiederverwendbar.

Beispiel einer aktuellen Regel (Freitext):

WENN Feld F00003338 = 'Für mich', DANN werden F00003339, F00003340 und G00002127 deaktiviert.

Beispiel aus der Praxis:

WENN "G08000000282.F08000000587 Abfrage Heirat" mit "nein" UND 
"G08000000283.F08000000613 Abfrage Status Geschwister" mit "nein" beantwortet, 
DANN öffnen: "G08000000280.F08000000645 Negativergebnis bei gesetzlicher Erbfolge"

Diese Form erfordert Interpretationsspielraum und führt zu unterschiedlichen technischen Umsetzungen.

Probleme der Freitextregel

  • Keine standardisierte Syntax, Interpretationsspielraum
  • Nicht maschinenlesbar, keine technische Validierung möglich
  • Fehleranfällig und hoher Abstimmungsaufwand
  • Unterschiedliche Interpretationen durch Entwickler:innen und Fachabteilungen
  • Medienbrüche und manuelle Nacharbeit

Mögliche maschinenlesbare Darstellung

Eine maschinenlesbare Regeldarstellung schafft Eindeutigkeit. Das folgende Beispiel zeigt dieselbe Regel als XML-Struktur nach dem vorgeschlagenen FIM-Regelstandard: 

<machineReadableRule> 
  <ruleSchema>fim-rules-v1.0</ruleSchema> 
  <trigger> 
    <type>fieldChange</type> 
    <fieldId>F00003338</fieldId> 
    <watch>value</watch> 
  </trigger> 
  <conditions> 
    <condition> 
      <when> 
        <field>F00003338</field> 
        <operator>equals</operator> 
        <value>Für mich</value> 
      </when> 
      <then> 
        <actions> 
          <action> 
            <type>disable</type> 
            <targets> 
              <target>F00003339</target> 
              <target>F00003340</target> 
              <target>G00002127</target> 
            </targets> 
          </action> 
        </actions> 
      </then>
    </condition>
  </conditions>
</machineReadableRule>

Diese Struktur trennt klar zwischen „Auslöser“, „Bedingung“ und „Aktion“ – und ermöglicht eine automatisierte Validierung und Ausführung.

Vorteile der maschinenlesbaren Umsetzung:

  • Eindeutigkeit und Transparenz
  • Automatisierbarkeit und technische Validierung
  • Effizienz und Fehlerreduktion
  • Skalierbarkeit und Interoperabilität mit KI/Low-Code

Alternative kompaktere JSON-Variante

{ 
  "ruleSchema": "fim-rules-v1.0", 
  "trigger": { "type": "fieldChange", "fieldId": "F00003338", "watch": "value" }, 
  "conditions": [ 
    { 
      "when": { "field": "F00003338", "operator": "equals", "value": "Für mich" }, 
      "then": { 
        "actions": [ 
          { "type": "disable", "targets": ["F00003339","F00003340","G00002127"] } 
        ] 
      } 
    } 
  ] 
}

Take-Away Eine maschinenlesbare Regeldarstellung – ob als XML oder JSON – trennt klar zwischen Auslöser, Bedingung und Aktion. Damit werden Regeln eindeutig, testbar und direkt in digitale Anwendungen übertragbar. 

Warum nicht gleich mit Low-Code?

Die Frage drängt sich auf: Warum wird die Regelsprache nicht gleich mit einer Low-Code-Variante umgesetzt, wie es in Service-BW, dem OZG-Hub oder bei AMT24 bereits erfolgreich praktiziert wird? Dort können Regeln visuell modelliert und direkt in digitale Prozesse überführt werden. Das spart Zeit, reduziert Fehler und erhöht die Nachvollziehbarkeit.

Unser Standpunkt: Es muss etwas passieren!

Es gibt viele Ansätze und Technologien, um Regeln in der Verwaltungsdigitalisierung abzubilden – von Freitext über proprietäre Lösungen bis hin zu Low-Code-Modellen. Doch Vielfalt allein schafft keine Effizienz. Damit Prozesse skalierbar, nachvollziehbar und automatisierbar werden, braucht es eine einheitliche Regelsprache. Nur ein gemeinsamer Standard ermöglicht Interoperabilität, reduziert Fehler und stärkt das Vertrauen in digitale Verwaltungsprozesse. Die Forderung ist klar: Ohne Regeln fehlt dem Datenschema die existentielle Berechtigung – also kann es nur einen Ansatz geben.

Fazit: Struktur statt Stillstand

FIM ist ein mächtiges Werkzeug, aber ohne Regelsprache bleibt es ein Torso. Die Verwaltungsdigitalisierung braucht Klarheit, Struktur und Nachvollziehbarkeit. Und FIM kann das leisten, wenn es endlich die Regelsprache bekommt, die es verdient.
Darum wollen wir nicht mehr länger warten und bringen unsere Expertise schon jetzt in die Weiterentwicklung von FIM praxisnah ein und unterstützen die Entwicklung der Regelsprache mit den zuständigen Akteuren!